Wie Sie andere Menschen mit Wertschätzung transformieren

DIE NEUN-KUH-GESCHICHTE

Creative Commons Photo by mdalmuld on Flickr

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Nacherzählt nach Jim Zarvos

Zwei Schiffbrüchige, Holger und Peter, landen auf einer Insel. An dieser Insel kommt nur einmal im Jahr ein Schiff vorbei. Zum Glück werden die beiden von den Eingeborenen freundlich aufgenommen, und sie leben dann in der Dorfgemeinschaft, wohnen in einer kleinen Hütte und gehen einer entlohnten Arbeit nach.

Eines Tages sagt Peter zu Holger: „Guck mal, die Frau da drüben! Ist die nicht toll?“
„Welche? Die da im braunen Kleid?“
„Genau!“
„Hmmm…naja, nicht so mein Fall.“
„Das ist DIE Frau für mich! Die werde ich heiraten!“
„Bist Du sicher? Warte doch erstmal, hier gibt es doch lohnendere Exemplare, zum Beispiel die da hinten, siehst Du…“
„Nein nein. Ich will die da.“
„Na gut, tu´ was Du nicht lassen kannst…“

Peter geht zum Dorfhäuptling und teilt ihm seine Entscheidung mit. „Gut,“ sagt der Häuptling, „drei Kühe!“
„Wie bitte?“
„Wir haben hier ein System. Je nachdem, aus welcher Familie eine Frau stammt, wie gut sie aussieht, wie intelligent und wie gebildet sie ist, bestimmt sich die Höhe der Heiratssteuer, die zu zahlen ist. Die, die Du haben willst, kostet drei Kühe.“
„Hm, und was kostet so eine richtig tolle Frau aus gutem Hause?“
„Der Höchstsatz liegt bei neun Kühen.“
„Gut, einverstanden. Ich nehme sie für neun Kühe.“

Der Häuptling ist irritiert und vermutet bei dem weißen Mann Sprachprobleme.
„Nein nein, ich sagte Dir doch: Diese Frau kostet drei Kühe. Nur drei.“
„Das habe ich verstanden. Ich bezahle aber neun.“
„Das geht nicht! Das ist Inflation! Diese Frau ist nur drei Kühe wert!“
„Ich bestehe aber darauf, neun Kühe zu bezahlen. Mir ist sie neun wert.“
Der Häuptling schüttelt den Kopf. „Also, Du bist ein komischer Kauz… Meinetwegen, bezahle neun Kühe. Aber ich werde allen erzählen, dass das Deine Idee war und dass Du darauf bestanden hast – dann werden sie nämlich alle über Dich lachen und nicht über mich!“
So wird der Handel dann abgeschlossen.

Nach ein paar Jahren beschließt Holger, seinen alten Freund Peter auf der Insel zu besuchen. Er fährt zur nächstgelegenen Insel, mietet ein Boot und segelt die ganze lange Strecke hinüber. Er erreicht die Insel und geht an Land. Am Brunnenplatz im Dorf trifft er eine bezaubernde Frau und fragt sie nach Peter. Sie zeigt auf Peters Hütte.

„Hallo Peter! Du hast Dich ja voll eingelebt. Mann, am Brunnen habe ich vielleicht eine tolle Frau getroffen! Solche Frauen gibt es hier, kein Vergleich zu der, die Du damals nehmen wolltest.“
„Oranges Kleid, rosa Blumenkranz?“
„Ja, genau!“
„Das ist meine Frau.“
Holger schlägt seinem Freund auf die Schulter. „Siehste, ich wusste doch, das kann nicht lange halten mit der. Da bin ich ja froh, dass es Scheidung bei diesem Volk auch gibt. Und dann hast Du was Vernünftiges gesucht.“
„Du verstehst nicht ganz. Das ist die Frau, die ich damals geheiratet habe.“
„Das kann doch gar nicht sein! So toll war die doch nicht!“
„Ich habe ja schon damals gesagt: Sie ist eine Neun-Kühe-Frau!“

Dann spricht Holger mit der Frau selbst. „Ich konnte gar nicht anders als so zu werden, wie ich bin.“ erzählt sie. „Allein die Tatsache, dass ich einem Mann neun Kühe wert bin, das war unglaublich genug. Und dann hat er mich immer behandelt wie eine Königin. Ich musste einfach auch zur Königin werden.“

* * *

Warum diese Geschichte? 80% unseres Selbstwertgefühls stammt aus der Qualität unserer Beziehungen. Wenn wir unsere Mitmenschen mit Achtung und Anerkennung behandeln, kann die Welt nicht anders, als darauf entsprechend zu antworten.

Alexander Meneikis

Jahrgang 1969, Betriebswirt, Controller, Kaufmännischer Allrounder, seit 1998 selbständig, Projekte in Finanz- und Vertriebscontrolling bei Shell, Airbus, Germanischer Lloyd, Alice, freenet und vielen anderen. Alexander Meneikis hält zahlreiche Vorträge und Workshops bei Handelskammern und anderen Bildungsträgern, sowie bei selbst organisierten Veranstaltungen. Auf seinem Controlling Blog finden Sie Artikel und Gratis-Videos zu Themen von Controlling und Unternehmensführung. Sie finden Alexander Meneikis auf LinkedIn, seiner Internetseite und Twitter
  • Nun ließe sich spekulieren, wo die Ursache liegt, dass die meisten Menschen ihr Selbstwertgefühl daran knüpfen, für wie wertvoll andere sie halten. Aus meiner Sicht täten Erwachsene sehr gut daran, bei Kindern konsequent Stärken zu stärken und ihnen zu erklären, dass sie okay sind – so wie sie sind, anstatt immer zu kritisieren und anzuspornen, vermeintliche Schwächen auszumerzen. Kein Wunder, wenn Menschen bin Bannsprüchen aufwachsen und Glaubenssätze Jahrzehnte mit sich herumschleppen.

    • Alexander Meneikis

      Genau. Dann wäre das Programm später nicht mehr so wichtig,