Paradigmenwechsel eines Beraters

400px-Mandril_Malene_Thyssen_GNU-license_JPGThe Wookie has no pants

Als 1975 die erste Produktion von STAR WARS gefilmt wurde, Episode IV A New Hope, drohte das gesamte Projekt zusammenzubrechen: Die Sets in Tunesien waren durch Stürme zerstört worden, das Budget war um 2 Mio. $ überzogen, die Dialoge waren völliger Mumpitz, die Special Effects funktionierten nicht, der Cutter missachtete die Anweisungen der Produktion, die Kostüme passten teilweise nicht und die Technik war ein Desaster.



Mark Hamill, Darsteller von Luke Skywalker, berichtet, dass 20th Century Fox ein Team von Supervisoren nach London schickte, wo der größte Teil des Films abgedreht wurde. Die Manager aus Hollywood hörten sich alle Probleme an (siehe oben) und konzentrierten sich sofort auf das Wesentliche: The Wookie has no pants!



Chewbacca, Co-Pilot von Han Solo, ist ein Pelzwesen. Genau wie ein Affe oder ein Bär, hat er keine Hosen. Dies wurde angesichts aller Schwierigkeiten (siehe oben) als DAS Problem schlechthin identifiziert und in stundenlangen Diskussionen bewegt.



Gibt es einen Berater, der solche Situationen nicht kennt?

Welcher Berater hat einmal die Befriedigung, an den „wirklich grundlegenden“ Herausforderungen zu arbeiten?

Werden wir nicht meistens gerufen, um auf zerstörten Sets mit nicht funktionierender Technik über Wookie-Hosen zu reden?



Die Reaktion von vielen von uns, die ich kenne, und meine eigene auch, war lange Zeit, Abstand durch Zynismus zu gewinnen. Ich machte mich lustig über diese bekloppten beratungsresistenten Unternehmer, die lieber pleite gehen als die notwendigen Schritte zu tun. Diese Deppen!



Als ich gestern aufwachte, wurde mir klar, dass ich mehr tun kann als mich lustig zu machen, und dass ein anderer Ansatz wohl mehr für mich und andere bringt, zum Beispiel, zunächst einmal die Situation nicht nur zu analysieren, sondern wirklich darin zu SEIN. Erst einmal zu fühlen. Und dann vielleicht festzustellen, worum es gerade geht.



Oh, ich war lange schon hervorragend darin, schnell und intuitiv Herausforderungen des Unternehmens wahrzunehmen, auch die grundlegenden, meistens in der ersten Stunde des Vorgesprächs. Aber dann? Von da an waren die Beratungsthemen von meinem Gefühl abgekoppelt, wurden zu „Projekten“ aus Holz, Metall und Plastik.



Möglicherweise ist Mitgefühl wichtiger als Beratungstools, denn: Bescheuert sind wir alle. Und wir sind alle wundervoll.



Ich traf zwei sehr (finanziell) erfolgreiche Berater, einen Coach und einen Ausbilder von Projektleitern. Bei beiden fiel mir auf, dass sie ihrem Gefühl viel Raum geben. Ich meine damit nicht die grenzenlose, ungerichtete Emotionalität, wie sie in manchen Selbsthilfegruppen ausgedrückt wird, sondern tiefes Gefühl, welches Menschen verbindet. Beide sind bereit, mit ihrem eigenen Schmerz in Resonanz zu den Herausforderungen anderer Menschen zu gehen.



Was sind denn überhaupt die „grundlegenden“ Probleme? Sind es wirklich die, welche ich als betriebssichtiger Betriebswirt identifiziere? Sind es die „unklaren Beziehungen“, die „unklare Kommunikation“, die ich seit einiger Zeit kühl von oben herab diagnostiziert habe? (Zum Glück waren meine eigenen Beziehungen hervorragend, höhöhö, deshalb dozierte ich auch kühl von oben herab.)



Sind grundlegend vielleicht die Probleme, welche die Manager und Mitarbeiter subjektiv empfinden und die sie vom gemeinsamen Arbeiten zurückhalten?



Es könnte sein, dass das „Menschsein an sich“ ein Basisproblem ist, denn wer von uns weiß schon wirklich, wie es gehen soll?



Vorgestern abend sprach ich in einer Beratergruppe über meine eigene Ratlosigkeit. Es endete damit, dass zwei von uns einfach weinten angesichts der Zwänge und Absurditäten, denen wir uns täglich aussetzen, unsere Orientierungslosigkeit, unsere Fremdheit gegenüber uns selbst und anderen, unsere Erschöpfung an diesen Umständen.



Am nächsten Tag rief ein Freund mich an wir und sprachen über „Roboterverhalten“, über „Prozessoptimierung“, „Zeitmanagement“, welches mehr Stress erzeugt als lindert, über Managementansätze mit Namen, die niemand aussprechen kann, und ob diese Dinge sinnvoll sind.



Ich höre schon, wie Leute mir sagen „und jetzt? Das ist vielleicht wahr, aber wohin soll das führen? Wie willst DU in der Arbeitswelt bestehen? Die Leute wollen nicht fühlen, die wollen ihre Probleme gelöst kriegen!“



I get that a lot.



Let’s go get lucky.

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Alexander Meneikis

Jahrgang 1969, Betriebswirt, Controller, Kaufmännischer Allrounder, seit 1998 selbständig, Projekte in Finanz- und Vertriebscontrolling bei Shell, Airbus, Germanischer Lloyd, Alice, freenet und vielen anderen. Alexander Meneikis hält zahlreiche Vorträge und Workshops bei Handelskammern und anderen Bildungsträgern, sowie bei selbst organisierten Veranstaltungen. Auf seinem Controlling Blog finden Sie Artikel und Gratis-Videos zu Themen von Controlling und Unternehmensführung. Sie finden Alexander Meneikis auf LinkedIn, seiner Internetseite und Twitter
  • Markus Neukom

    Interessante Gedanken, die Sie sich machen, Herr Meneikis.
    Könnte es sein, dass in der heutigen Wirtschaft so viele Leute Probleme haben, WEIL sie nicht fühlen wollen?
    Und ja, die „Beratergilde“ fördert diesen Umstand, wie Sie selber ausführen…
    Um den Hintergrund meiner Denkweise zu erfahren, schauen Sie doch mal meine Webseite markusneukom.com an.

    • Vielen Dank, Herr Neukorn! Ich glaube, Sie haben einen wesentlichen Punkt erfasst. Und eine sehr schön gestaltete Website haben Sie! Herzliche Grüße, Alexander Meneikis