Mythbuster: Die 4 enttäuschenden Wahrheiten über die Selbständigkeit

fairy_pixabay_nemoIn meinem stetigen Bemühen, allen Mitmenschen die Laune zu verderben, melde ich mich wieder mal mit Nachrichten aus der Wirklichkeit.

Oder, wie mein großer Held Walter Giller sagte: „Es bleibt eben schwierig.“

Über die Freiberuflichkeit / Selbständigkeit kursieren eine Reihe von Mythen. Hier eine kurze Widerlegung einiger dieser Legenden.

Mythos 1: „Als Selbständiger hat man ein höheres Einkommen.“

In einigen wenigen Fällen, ja. Sonst aber nicht. Die meisten Selbständigen haben ein effektives Einkommen, das ca. ein Drittel niedriger liegt als das in vergleichbarer angestellter Position. Sie arbeiten wegen der vermeintlichen Freiheit selbständig.

Mythos 2: „Ich arbeite so viel oder wenig, wie ich will, und wann ich will.“

Von wegen. In den meisten Fällen bestimmen nicht Sie, wie viel und wann Sie arbeiten, sondern Ihre Kunden. Wann die etwas wollen und was sie wollen, ist manchmal vorhersehbar, manchmal nicht.

Wenn Sie Chef sind und Mitarbeiter haben, wird es nicht besser, sondern schlimmer: Sie arbeiten, wenn Ihre Kunden es wollen und wenn Ihre Mitarbeiter ihre Emotional-Dramen nicht in den Griff kriegen. Folglich: IMMER.

Delegieren wäre theoretisch möglich, wenn Ihre Mitarbeiter KEINE Schlafmützen wären. Andererseits: Wären sie keine Schlafmützen, wären sie selbst irgendwo Chef.

Mythos 3: „Mein eigener Einsatz bestimmt, wie viel Geld ich verdiene!“

Wie viel Geld Sie einnehmen und, noch wichtiger, wie viel Sie schließlich behalten, wird bestimmt durch den Markt, in dem Sie unterwegs sind, teilweise durch die Konjunktur, durch Ihre mehr oder weniger clevere Strategie und Ihr finanzielles Management.

In manchen Branchen können Sie arbeiten ohne Unterlass und trotzdem permanent pleite sein. Versuchen Sie mal alles, was mit Schulungen und Seminaren zu tun hat oder mit Altenpflege.

Hinzu kommt, dass die meisten Leute nicht rechnen können und falsch kalkulieren. Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie das auch nicht können, ist sehr hoch.

Mythos 4: „Ich muss nur an mich GLAUBEN!“

Wahrscheinlich der größte Unsinn von allen. Die Selbsthilfe-Bewegung der 1960er Jahre hat die Implikation verbreitet, dass unsere Gedanken Wirklichkeit werden und dass wir die Macht haben, durch unser Denken Materie zu verändern.

Das ist leider Quatsch.

Bestenfalls können wir unsere INTERPRETATION der Wirklichkeit anpassen und damit ein kleines Schrittchen weiter kommen.

Filmkomponist John Williams GLAUBT nach eigener Aussage oft, völlig talentlos zu sein. Ed Wood GLAUBTE, der talentierteste Regisseur aller Zeiten zu sein. Beides wohl nicht ganz richtig.

Will noch jemand gründen?

Bild: Pixabay; Nemo

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Alexander Meneikis

Jahrgang 1969, Betriebswirt, Controller, Kaufmännischer Allrounder, seit 1998 selbständig, Projekte in Finanz- und Vertriebscontrolling bei Shell, Airbus, Germanischer Lloyd, Alice, freenet und vielen anderen. Alexander Meneikis hält zahlreiche Vorträge und Workshops bei Handelskammern und anderen Bildungsträgern, sowie bei selbst organisierten Veranstaltungen. Auf seinem Controlling Blog finden Sie Artikel und Gratis-Videos zu Themen von Controlling und Unternehmensführung. Sie finden Alexander Meneikis auf LinkedIn, seiner Internetseite und Twitter
  • Ich fasse diese Thesen mal als Provokation auf, dass darüber diskutiert werden soll. Von Ihnen, Herr Meneikis, könnte ich solche negativen Gedanken gar nicht verstehen, da Sie doch schon seit 1998 selbstständig sind… 😉

    Also bei mir persönlich sieht das so aus:
    Mythos 1: Ja, definitv höher.
    Mythos 2: Die Aussage stimmt. Der Kunde bestimmt oftmals das Arbeitspensum. Finde ich aber nicht problematisch.
    Mythos 3: Gehören nicht auch Verhandlungen zu meinem Einsatz? Ich meine ja. Und wenn ich es gut mache, dann läuft es halt besser.
    Mythos 4: Ich verändere mit meinem Glauben an mich zwar keine Materie, aber mein Bild über mein Umfeld und mein Handeln. Wenn ich nicht daran glauben würde, wie kann ich da von meiner Arbeit überzeugt sein und die guten Gewissens an meine Kunden verkaufen?

    Fazit: Ich will nichts mehr anderes, als selbstständig zu arbeiten.

    Aber:
    Problematisch ist es, wenn man von seiner selbstständigen Arbeit nicht leben kann. Dann muss man u.U. sein Geschäftsmodell überprüfen. Schließlich sollte sich das Risiko lohnen. Wobei auch Nichtselbstständige heutzutage immer das Risiko des plötzlichen Arbeitsplatzverlustes tragen. Es gibt natürlich auch Situationen, in denen Menschen keine andere Möglichkeit bleibt, als selbstständig zu arbeiten, weil sie niemand einstellen will. Das hat sich gegenüber (viel) früher im Arbeitsmarkt drastisch geändert. Und dann muss das, was man dann erwirtschaftet irgendwie reichen. Oftmals muss durch Sozialleistungen aufgestockt werden, weil wahre Hungerlöhne, bzw. -honorare gezahlt werden. Damit vergrößern andere Unternehmer/Selbstständige auf Kosten der Gemeinschaft ihren persönlichen Profit. Das macht sie für mich zu den wahren Sozialschmarotzern.

    Ehrliche Arbeit soll auch ehrlich bezahlt werden.

    • Alexander Meneikis

      Hallo Herr Bräutigam, Sie haben recht, mit diesem Artikel habe ich mir mal erlaubt, reinen Clickbait zu liefern, um für etwas kreativen Dissens zu sorgen.
      Das Honorar für Selbständige ist meist höher als das für Festangestellte, aber der EFFEKTIVE Stundensatz ist meist geringer, wenn man alle geleisteten Stunden einrechnet, allen Aufwand, Vorsorge, und vor allem auftragsfreie Zeiten.
      Mit Verhandlungen werden Sie an vielen Stellen besser fahren, aber nicht an allen. Z.B. im Bereich Umschulung gibt es ein Honorar, das nehmen Sie oder nicht.
      Ich stimme auch zu, unsere Interpretation können wir ändern, die Materie nur indirekt.

      • Ich muss Ihnen widersprechen. Der effektive Stundensatz ist nicht zwangsläufig niedriger. Die Vorsorge kann man – meiner Meinung nach – nicht einrechnen, die muss ein Nichtselbstständiger auch bezahlen. Wie ich schon sagte: Der Verdienst ist höher. Das sagen Kontoauszüge und Steuererklärungen. Ich habe mehr Freizeit (die ganze Woche unterwegs war ich in meinem Berufsleben schon immer). Jetzt kann ich auch mal Tage zwischendurch frei nehmen. Kurzum: Ich kann nicht klagen.
        Ich kann ja nur von mir sprechen, was im Bereich Umschulungen vor sich geht, dazu kann ich nichts sagen.
        Mir drängt sich der Verdacht auf, dass Sie nicht nur einen „Köder“ in die Diskussion geworfen haben, sondern möglicherweise tatsächlich so denken. Oder täusche ich mich da? Wenn dem so wäre, dann würde ich gerne mehr über Ihre Motivation zum Selbstständigsein erfahren.

        • Alexander Meneikis

          Meine Motivation war seinerzeit vor allem der Aspekt Freiheit. Und, ja, ich fühle mich auch freier.
          Die Aussage über das niedrigere Einkommen stammt aus einer älteren Statistik, die Leute erstellt haben, die zumindest behaupten, eine große Datenmenge erhoben zu haben.
          Dass man in manchen Branchen auf keinen grünen Zweig kommt, egal, wie hart man arbeitet, ist einfache Statistik.
          Und GLAUBEN halte ich schon lange für einen Irrweg.

  • Andreas Becker

    Ich finde die Thesen auch interessant.
    Zu 1) Ich verdiene ganz sicher mehrals jeder Festangestellte. Das kann man ja durchaus beeinflussen, indem man das richtige Geschäftsmodell und auch die richtige Idee wählt.
    Zu 2) Ich arbeite so viel wie ICH will. Natürlich kann ein Kunde seine Wünsche äußern, aber meiner Erfahrung nach, kann man über alles reden. Wenn man natürlich frag- und klaglos alles hinnimmt, wird man tatsächlich zum Lastenesel.
    Zu 3) In welchem Markt ich unterwegs bin bestimme ich doch aber auch selber, und damit auch, wie hoch Gewinnmargen sein können. Man muss eben anpassungsfähig sein.
    Zu 4) Glauben alleine hilft sicher nicht, aber Nicht-Glauben kann dafür eine Menge Schaden anrichten. Wenn ich nicht an mich glaube, sollte ich es besser gleich bleiben lassen.

    • Alexander Meneikis

      Hallo Herr Becker, pro Stunde erhalten Sie sicherlich mehr als Festangestellte in vergleichbarer Position. Ich auch. Aber da ich auch mein eigenes Büro und meine eigene Akquise bin, und auch nicht immer Kunden da sind, ist der effektive Stundensatz oft geringer.
      Sie haben mit Ihrer Strategie und Ihrem Vorgehen offensichtlich wirtschaftlichen Erfolg. Das ist nicht jedem im gleichen Maße beschieden, aus verschiedensten Gründen, und wenn der Kunde Deadlines hat, schlau oder nicht, dann hat er sie.
      Ihren Markt können Sie ein Stück weit aussuchen, wo noch Platz ist. Aber irgendjemand muss auch die Altenpflege machen. Wer nicht muss, macht natürlich etwas anderes. Aber auch das ist nicht jedem beschieden.
      Nach meiner Erfahrung ist „Glauben“ völlig irrelevant. Manche Genies halten sich für Trottel, manche umgekehrt, und alles dazwischen.

      • Wolfgang

        Da gehe ich nicht mit Ihnen konform, Herr Meneikis. Was Herr Becker in Punkt 4 schreibt, passt durchaus. Wenn ich nicht an meine Fähigkeiten glaube, dann werde ich dem potentiellen Kunden gegenüber auch als Trottel (das habe ich mir von Ihnen ausgeliehen) auftreten und daher wahrscheinlich nichts verkaufen.

        • Alexander Meneikis

          Hallo Wolfgang, nach meiner Beobachtung hat das mit „Glauben“ nichts zu tun. Entweder habe ich Beweise, die mich überzeugen, dass ich etwas kann, oder eben nicht. In beiden Fällen macht Glauben keinen Unterschied.

  • Susanne

    also:
    es beginnt schon mit der Einreichung der Rechnung. Kommentar der Buchhaltung oder des Auftraggebers ist oft: der/die verdient ja mehr als unser Geschäftsführer. Kann stimmen, aber wenn man alle Leerzeiten, Urlaub, Krankheit etc einrechnet, ist es gar nicht mehr so viel. Das Einkommen entspricht je nach Auftrag meistens dem eines gut verdienenden mittleren Angestellten.
    Der Mythos Freiheit stimmt aus meiner Sicht auf jeden Fall. Auch wenn der Kunde Sonderwünsche hat und man zu unkonventionellen Zeiten arbeiten muss – man darf auch zu unkonventionellen Zeiten arbeiten. Die leidige Diskussion Home Office oder ständige Präsenzpflicht ist hier deutlich einfacher. Im besten Fall geht man montags Golf spielen, wo weniger los ist und sitzt dafür am Sonntag am Schreibtisch.
    Na klar kann man als Selbständiger entscheiden, ob man einen Auftrag annehmen will oder nicht. Das hängt von den gebildeten Rücklagen, dem Reiz des Auftragsinhalts, der Sympathie für den Auftraggeber etc ab. Allerdings neigt man möglicherweise auch eher zur Selbstausbeutung nach dem Motto: was ich jetzt verdienen kann, hilft mir möglicherweise später über Durststrecken hinweg oder ermöglicht mir einen früheren Ausstieg.

    • Alexander Meneikis

      Hallo Susanne, danke für Ihren Kommentar. Sie haben genau den entscheidenden Punkt erfasst – der EFFEKTIVE Stundensatz ist nicht so hoch wie der fakturierte.
      Freiheit: Teils / teils. Je nach Markt und persönlicher Situation kann man sich Aufträge aussuchen oder auch nicht, kann sich Arbeitszeiten frei gestalten oder auch nicht.