Der Traum vom großen Reibach in der Selbständigkeit

171265_original_R_K_B_by_S. Hofschlaeger_pixelio.de_namedWie viel verdienen Selbständige wirklich?

Geld oder Liebe (Freiheit) ?

Bringt die Selbständigkeit den mühelosen Reichtum? Klare Antwort: Nein. In fast keinem Bereich erzielen Selbständige überdurchschnittliche Einkommen. Von den berühmten wenigen Ausnahmen abgesehen, ist die Geldmenge, die Selbständige zur Verfügung haben, nicht gerade astronomisch.



In meiner Eigenschaft als Controller bin ich der Sache mal nachgegangen. Da die Datenlage für das Einkommen Selbständiger sehr dürftig ist, bin ich in meinem erweiterten Umfeld herumgelaufen, habe bei ca. 50 Selbständigen Daten gesammelt und diese tabellarisch aufbereitet. Die Darstellung finden Sie zusammengefasst in der Tabelle unten.



Die wenigen öffentlichen Statistiken sind verzerrt, da hier auch all die tausende von Nebentätigkeiten erfasst sind, all die kleinen ebay-Shops, die Experten, die gelegentlich Seminare abhalten, der Handwerker, der am Wochenende ein Zubrot verdient. Mich hat interessiert, wie die Vollzeit-Selbständigen finanziell dastehen.



In meiner Tätigkeit bekomme ich sehr viele Dokumente zu sehen, die nicht für jedermann bestimmt sind. Daher weiß ich, dass bei den meisten Selbständigen schon seit 20 Jahren nicht viel hängen bleibt, sogar bei denen, die relativ bekannt / prominent sind. Ein Grund ist die hohe Belastung mit Steuern und anderen Abgaben, über die viel gemosert wird, obwohl sie insgesamt in Deutschland recht niedrig sind, verglichen mit dem, was die öffentliche Hand so bietet. (Schauen Sie mal nach Kuba, wo die Geschäfte 56% Steuern abgeben und überprüfen Sie den Zustand von Gebäuden und Infrastruktur.)



Heiraten und Kinder sind auch überhaupt nicht zu empfehlen; das kann die gesamte Existenz fressen. Da Ehen gewöhnlich nicht halten, kostet das ganze nur Geld. Lassen Sie es besser sein.



Im mittleren Einkommenssegment, also bei Gewinnen um und bei 50 T€, sind ca. 35-45% des Gewinns weg, für Steuern und überlebensnotwendige Vorsorge. Bei deutlich höheren Einkommen geht mehr für Steuern weg und ggf. etwas weniger für Vorsorge.



Zusammenfassend lässt sich feststellen: Als Selbständiger hat man am Ende von allem ca. 10-30% weniger übrig als in einer Festanstellung mit vergleichbaren Tätigkeiten. Das liegt vor allem daran, dass ein größerer Teil der Zeit nicht an Kunden verkauft werden kann, weil man diese Zeit benötigt, um Kunden zu finden (besser: dafür zu sorgen, von ihnen gefunden zu werden) und um sich selbst zu verwalten. Diese Tätigkeiten werden in einem größeren Unternehmen von anderen Abteilungen übernommen.



Rein theoretisch besteht die Chance, auch deutlich höhere Einkommen zu erzielen, da man ja sein eigener Chef ist, allerdings wird hierbei gerne vergessen, dass man auch Kunden braucht, die das Einkommen bezahlen.



Die meisten Selbständigen wählen ihren Status denn auch nicht wegen des Geldes, sondern wegen der Freiheit. Freie Zeiteinteilung (sofern die Organisation des Kunden nichts anderes zwingend vorgibt), die Freiheit, Aufträge abzulehnen und nach Belieben Urlaub zu nehmen (wenn noch Kohle da ist).



Mancher argumentiert, eine Festanstellung sei „sicherer“. Auf den heutigen Märkten mit beweglichen großen Treibsandflächen, wo heute ganze Branchen verschwinden und morgen neue entstehen, ist das wohl kaum der Fall. Ich behaupte sogar, dass der Selbständige auf Dauer sicherer lebt – wenn der Angestellte seinen Job verliert, fällt er aus allen Wolken und weiß nicht, was er tun soll. Wenn mir als Selbständiger ein Auftrag wegfällt, besorge ich mir einen neuen, weil ich inzwischen so geübt in der Selbstvermarktung bin, dass Auftragsgewinnung kein echtes Problem mehr ist.



Hier nun meine Auswertung. Ich bewege mich vom Umsatz über den Rohertrag zum Gewinn, über Steuern und Vorsorgeaufwand zum letztendlich verfügbaren, effektiven Stundensatz. Die geschätzten 2.400 Arbeitsstunden im Jahr sind natürlich nicht alles Stunden, die der Kunde bezahlt, sondern auch Zeiten für Auftragsgewinnung, Vor- und Nachbereitung, Schreiben von Angeboten, Erstellen von Unterlagen, eigene Verwaltung, usw.



Direkte Kosten sind Kosten, die direkt zu einem Auftrag gehören. Beim Interimsmanager und Unternehmensberater sind dies vor allem auftragsspezifische Reisekosten, beim Anwalt mandantenspezifische Materialien, Texte oder extern eingekauftes Know-how. Gemeinkosten sind Kosten, die eben nicht zu einem einzelnen Auftrag gehören, wie Büromiete, Telefon-Flatrate, Kfz-Kosten usw.



Beim Dozenten ist der Vorsorgeaufwand sehr hoch, da Dozenten zwangsweise der staatlichen Rentenversicherung unterliegen.



Die Schätzungen für die Einkommensteuer beruhen auf der Grundtabelle, also Ledige, für 2010. Die präzise Steuerlast sollte ein Steuerberater ermitteln, da sie von zahlreichen Faktoren abhängt. Im einzelnen Fall kann die tatsächliche Einkommensteuer sehr stark von den Prozentsätzen in dieser Tabelle abweichen.



Fazit: Wenn Sie selbständig sein wollen, tun Sie es nicht wegen des Geldes. Tun Sie es, wenn Sie die Freiheit (mit notwendigen Anpassungen und Regeln) haben wollen, zu tun, was Sie lieben.



VIEL ERFOLG!



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Alexander Meneikis

Jahrgang 1969, Betriebswirt, Controller, Kaufmännischer Allrounder, seit 1998 selbständig, Projekte in Finanz- und Vertriebscontrolling bei Shell, Airbus, Germanischer Lloyd, Alice, freenet und vielen anderen. Alexander Meneikis hält zahlreiche Vorträge und Workshops bei Handelskammern und anderen Bildungsträgern, sowie bei selbst organisierten Veranstaltungen. Auf seinem Controlling Blog finden Sie Artikel und Gratis-Videos zu Themen von Controlling und Unternehmensführung. Sie finden Alexander Meneikis auf LinkedIn, seiner Internetseite und Twitter